„Wolfskinder“ aus Litauen zu Gast: „Es ist ein Wunder“

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Berlin, 8. Juni 2012 – Breitbeinig steht er am bronzenen Streifen. Das linke Beim im Osten, das rechte fest im Westen. Unter ihm, auf diesem bronzenen Steifen, steht zur Erinnerung geschrieben: BERLINER MAUER. Uwe Fritz trippelt, verstärkt seine Position, schaut in den Himmel und lächelt hinter der Gleitsichtbrille. In den fünf Tagen, in denen der 72-Jährige in Deutschland sein wird, möchte er Uwe Fritz genannt werden. Oder Herr Uwe. „Es ist ein Wunder“, sagt Herr Uwe aus Litauen.

Herr Uwe hat eine fünfzehnstündige Reise hinter sich. Am Tag zuvor war er in Tauroggen in den Bus gestiegen, 15 Uhr deutscher Zeit. 16 Uhr war es da in Tauroggen, seinem Zuhause in Litauen. Im Bus saß Uwe Fritz mit sechs anderen Frauen und Männern, deren Lebensreise ähnlich begann. In Ostpreußen geboren, waren sie kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs vor Misshandlungen durch russische Soldaten geflohen, hatten sich in Gruppen, zu Rudeln, zusammengetan und in Wäldern gelebt, bevor sie nach Litauen flüchteten, ins gelobte Land, wie sie glaubten. Noch heute nennen sie sich „Wolfskinder“. Herr Uwe, der im litauischen Pass unter Bronius Dapkus geführt wird, ist ihr Vorsitzender. Uwe Fritz, dieser Name steht in seinem deutschen Pass.

Jetzt macht er Sightseeing in Berlin. Gemeinsam mit Günter F. Toepfer, ehemals Mitglied des Abgeordnetenhauses, der sieben „Wolfskinder“ in die deutsche Hauptstadt eingeladen hat. Eine Premiere. Toepfer zahlt diese erste Einladung, dieses Wunder für Uwe Fritz, aus eigener Tasche. Geld, das er bei Vorträgen rund um dieses Thema verdient hat. Übernachten werden die Gäste im Pflegehaus Kreuzberg, das sich damit als Partner sozialer Projekte positioniert. „Wir sind dankbar für diese Möglichkeit“, sagt Toepfer. Seit acht Jahren engagiert er sich für die einstigen Kinder aus Ostpreußen, die den Tod ihrer Mutter verkraften mussten und sich mit ihren Geschwistern durch eiskalte Winter schlugen. Ohne Wärme, ohne Hygiene. „Verwahrlost, verdreckt, verfloht“, sagt Toepfer. „Sie lebten wie die Wölfe.“ Wie Uwe Fritz, der 1939 geboren wurden.

Nach der Führung durchs Abgeordnetenhaus, in dem Toepfer zehn Jahre die CDU vertrat, erinnert sich Herr Uwe an die Zeit, als er ein Kind von fünf Jahren war und sich die Russen seiner Heimat näherten. „Meine Familie flüchtete nach Westen. Wir waren mit einem Pferdewagen unterwegs.“ Die Erinnerungen, die Dolmetscherin Danguole Kutkeviciene übersetzt, kommen langsam zutage, Uwe Fritz unterstreicht sie mit eindringlichen Handbewegungen. „Wir waren mitten im Flüchtlingstreck. Als wir hielten, ging Mama nach vorne, um sich ihre Hände am Feuer zu wärmen. Ich blieb mit meiner Schwester am Wagen. Da wurde eine Bombe geworfen, alle rannten in verschiedene Richtungen. Die Bombe hat uns getrennt.“ Uwe Fritz spricht heiser. „Meine Schwester und ich blieben alleine und suchten nach Nahrung und einer Unterkunft.“ Seine Schwester, neun Jahre älter als er, fand ein Zuhause. Eine Familie nahm das Mädchen auf, nachdem beide Kinder über die gefrorene Memel nach Litauen geflüchtet waren. Uwe blieb allein zurück. Bis auch er eine Familie fand. Deutsch, seine Muttersprache, musste er vergessen. Die Gefahr, erkannt und dann nach Sibirien verschleppt zu werden, war zu groß. Seine neue Familie nannte ihn Bronius Dapkus.

Heute ist Bronius Dapkus Vorsitzender der „Edelweiß-Wolfskinder“ von Tauroggen. Der Begriff Edelweiß dient als Synonym für Deutschland. Als Tarn-Name vielmehr. Sie trauten sich nicht, dieses Land, Deutschland, im Namen zu führen. Zum Verein in Tauroggen gehören heute noch 21 Mitglieder. Insgesamt gibt es in Litauen 84 „Wolfskinder“, die meisten ohne Schulbildung, ohne Beruf. Der reichste in der Besuchergruppe aus Tauroggen hat monatlich 350 Euro zum Leben.

Jetzt sitzt Uwe Fritz im Abgeordnetenhaus und nickt zu den Begrüßungsworten von Vize-Präsident Andreas Gram. „Mich berührt Ihr Schicksal sehr“, sagt Gram in einem Gästeraum des ehrwürdigen Hauses, dem Gebäude des heutigen Berliner Parlaments und ehemaligen Preußischen Landtags. Toepfer ermuntert dazu, die historischen Bögen zu betrachten. Schmuck-Ornamente, die deutlich machen, wie das vor 110 Jahren errichtete Haus, das als Parlament für ganz Preußen geplant worden war, ausgesehen hat. „Sie besuchen auch Ihr Parlament“, sagt er. „Hier saßen damals auch die Abgeordneten von Ostpreußen.“

Zwei Tage später sitzen die „Wolfskinder“ auf den Besucherbänken im Deutschen Bundestag. Sie stehen auf der Aussichtsplattform des Fernsehturms und schauen durchs Panorama-Fenster über Berlin.

Einige Stunden haben sie auch in der Pflegeeinrichtung in Lichtenberg verbracht. Im Senioren-Wohnpark waren sie von einer Gruppe Kinder überrascht worden. Auch dies ist ein Projekt der Solidarität. Zwischen Litauen und der Bundesrepublik. Zwischen den Generationen.

1110 Kilometer von Tauroggen entfernt, hat Bronius Dapkus alias Uwe Fritz in Kreuzberg und Lichtenberg ein Wunder erlebt.


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